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Belfast im kleinen Schwarzen

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Belfast im kleinen Schwarzen

  • Wer Nordirlands boomende Hauptstadt Belfast so authentisch wie möglich entdecken will, bucht eine Stadtrundfahrt bei „Black Taxi Tours“. Im Fahrpreis inbegriffen: Geschichtsunterricht in Sachen „Troubles“ und „Titanic“, politische Wandkunst – und das schönste Pub der Welt.
Thanksgiving Square, Waterfront, Belfast, Nordirland
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Ja, zugegeben, ich hatte ein beklommenes Gefühl in dieser Oktobernacht vor 23 Jahren. Der Friedensprozess in Nordirland nahm zwar gerade seinen Anfang und versprach ruhige und sichere Zeiten. Aber die immer noch über der Stadt kreisenden Armeehubschrauber, das permanente Geheule der Streifenwagen und die gepanzerten Patrouillen-Fahrzeuge an jeder strategisch wichtigen Straßenkreuzung jagten mir bei meinem ersten Besuch in Belfast Angst ein. Eine Angst, die sich damals erst bei einer mehrstündigen „Troubles Tour“ durch die Konfliktbrennpunkte im Westen der Stadt mit einem der schwarzen, aus London importierten Vintage-Taxis wieder verflüchtigte. 

Ein knappes Vierteljahrhundert später nehme ich wieder auf dem Beifahrersitz eines Cabs von „Black Taxi Tours“ Platz. Und bereits der Abstecher zum spektakulären Titanic-Erlebniszentrum zeigt, dass diese Stadt längst wieder das ist, was sie vor den „Troubles“ einmal war: eine innovative, junge und kulturbetonte Metropo­le. Als stolzes Symbol für die Vergangenheit Belfasts als Stadt des Schiffsbaus und als glitzerndes technologisches und architektonisches Meisterwerk präsentiert sich das Gebäude, das direkt am Bauplatz der Titanic steht. Könnte man es aus der Vogel-Perspektive betrachten, sähe es aus wie das Logo der Reederei White Star Line. Seine vier Sternzacken ragen ebenso hoch in den Himmel wie einst der Bug des Rekordschiffs. Eine Aluminiumhaut, zusammengesetzt aus 3000 Paneelen, reflektiert das Licht der Wasserbecken am Fuße des Gebäudes. Auf 11.000 Quadratmeter Fläche erzählen die Ausstellungsmacher die Geschichte des legendären Kreuzers. 

Neue Architektur an der alten Hafenmeile

Rund um den Ausstellungsbau, der schnell zum neuen Wahrzeichen Belfasts mutierte, entstand nach Investitionen von sieben Milliarden Pfund auf einer Fläche von 75 Hektar das Titanic Quarter mit Luxuswohnungen, Cafés, Industriebetrieben und Filmstudios, in denen neue Folgen von „Game of Thrones“ entstehen. Auch die neue Architektur an der alten Hafenmeile des River Lagan unterstreicht die Ansprüche der Stadt, den Nachbar-Metropolen London und Dublin Paroli zu bieten. Neben der kreisrunden Waterfront Hall, einer preisgekrönten, mit perfekter Akustik ausgestatteten Konzerthalle am Lanyon Place, sticht vor allem der futuristische Odyssey-Komplex am Queen’s Quay ins Auge. Er bietet mit einer großen Indoor-Arena, Kinos, Bars, Shops und verschiedenen Restaurants Amusement rund um die Uhr.

„Ja, Belfast macht Spaß und ist so lebenswert wie nie, nur der Brexit macht uns Bürgern große Sorgen “, sagt John, der Taxidriver, beim Lunch im Crown Liquor Saloon. 1885 erfüllte sich der Architekturstudent Patrick Flanagan mit dessen Innenausstattung einen Designtraum. In den Räumen der ehemaligen „Railway Tavern“ an der Great Victorian Street ließ der viel gereiste Spanien-und Italien-Liebhaber seiner Fantasie freien Lauf und gestaltete ein wahrhaft königliches Trinkerparadies. Im „Saloon“ trinkt man trotz Sorgen wie ein König sein Stout: holzgeschnitzte Vertäfelungen, fein bemalte Fliesen, palmenförmige Säulen, Bleiverglasung in allen Farben, das intime Licht der Gaslampen, Zapfhähne mit Porzellangriffen und die Theke aus rosa und schwarzem Marmor – nur die Computerkasse und der ständig laufende Fernseher stören das unter Denkmalschutz stehende Dekor. Was seine größte Sorge sei in Sachen Brexit, frage ich den Katholiken John, der sich kulturell der Republik Irland zugehörig fühlt und selbstverständlich mit „Remain“ stimmte. Dass eine neue von London erzwungene Grenze, die nordirische Gesellschaft erneut spalten könne, sagt der Mittsechziger mit leiser Stimme und steuert den Westen Belfast an, wo die Welt der Clans und Stämme noch besteht und die „Peace Wall“ noch immer protestantische und katholische Backsteinreihenhäuser voneinander trennt. 

Protest mit Pinsel und Farbe

Das weiche Licht der Nachmittagssonne illuminiert die zahlreichen, in satten Farben strahlenden politisch motivierten Malereien (Murals) an den Häuserfronten – sie spiegeln höchst plakativ die Seele Nordirlands wieder. Ihr Ursprung liegt in einer bis ins 19. Jh. zurückreichenden Tradition der Loyalisten (gewaltbereite Befürworter der Union mit Britannien), sich offen zu bekennen. Auf irischer Seite kamen Murals erst im Sommer 1981 auf. Vor allem Republikaner, die den Großen Hungerstreik der IRA-Häftlinge mit friedlichen Mitteln unterstützen wollten, griffen damals zu Pinsel und Farbe. Heute besitzen die Murals beider Seiten Kultstatus. „Für mich sind die Murals das Sinnbild für die friedliche Koexistenz von Katholiken und Protestanten geworden“ sagt John. Und fügt hinzu: „Aber letztendlich gibt es für diesen Konflikt keine einfache Lösung, die Vergangenheit ist viel zu dunkel.“

Zurück ins City-Zentrum, wo ich die gesammelten Eindrücke im ungewöhnlichsten Pub der Stadt sacken lasse: „Bittles Bar“ in der Victoria Street. Dessen Besitzer hat die Räumlichkeiten dem Maler Joe O’Kane als Galerie überlassen. So haben sich die Wände in dem Backsteinjuwel im Lauf der Zeit mit faszinierenden Bleistiftportraits der großen irischen Literaten gefüllt. Am Tisch genau unter der Bleistiftzeichnung von Samuel Beckett übt sich eine Gruppe Australier im Guinness-Trinken, und auch ich belasse es nicht bei einem Pint. Drei Sätze von John gehen mir nicht mehr aus dem Kopf: „Ganz drinnen, in meinem Innersten, fühle ich mich als Europäer. Nicht als Brite, nicht als Ire. Ganz einfach als Europäer.“